Leitgedanken: Gesundheit positiv und ganzheitlich fördern

© Maximilian Rieländer 1997

  1. Gesundheit im Sinne der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
  2. Positive ganzheitliche Gesundheitsziele
  3. Gesundheitsförderung als interdisziplinäres zukunftsorientiertes Handlungsfeld
  4. Gesundheitswissenschaften / Public Health
  5. Psychologie/Gesundheitspsychologie als Gesundheitswissenschaft
  6. Für eine Erneuerung der Gesundheitspolitik
  7. Religion und Gesundheit - eine fruchtbare psychologische Kombination?

Leitsätze zur psychologischen Gesundheitsförderung des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP)

1. Gesundheit im Sinne der Weltgesundheitsorganisation (WHO)

"Gesundheit ist ein Zustand vollständigen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Beschwerden und Krankheit." Mit dieser Definition hat die WHO schon seit über 50 Jahren (1946) ein positiv und ganzheitlich orientiertes Gesundheitsverständnis in der Politik, der Fachwelt und der Bevölkerung zu verbreiten versucht. 

1978 hat die WHO das Konzept "Gesundheit für alle" beschlossen. 1984 hat die WHO in Europa in Zusammenarbeit und Konsensfindung mit den europäischen Nationen die Ziele "Gesundheit für alle im Jahre 2000" definiert sowie 1991 und 1998 unter dem Titel " Gesundheit für alle im 21. Jahrhundert" erneuert. In ihrer konkreten Arbeit versucht die WHO in Europa, die Zielstrategie "Gesundheit für alle" in der Politik und Fachwelt und darüber in der Bevölkerung zu verbreiten.

Im Sinne dieser WHO-Strategie lassen sich folgende weitreichenden Ziele einer umfassenden Gesundheitpolitik umschreiben: Alle Menschen dieser Erde sollen - unabhängig von ihrer sozialen Schicht, Nation, Religion - in ihrem Alltag mit all seinen Lebensbereichen ihr Leben gesund und konstruktiv gestalten können und in Frieden, Gerechtigkeit und gegenseitiger Achtung zusammenleben können; sie sollen dabei durch entsprechende Lebensbedingungen unterstützt werden.

Die WHO hat 1986 die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung verabschiedet. Seitdem ist ‘Gesundheitsförderung’ als ein gesundheitspolitischer Begriff eingeführt und folgendermaßen gekennzeichnet: "Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozeß, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. ... Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten."

2. Positive ganzheitliche Gesundheitsziele

Ein positives und ganzheitliches Gesundheitsverständnis ist aus psychologischer Sicht sehr wertvoll: Menschen können positive und ganzheitlich orientierte Gesundheitsziele (s.u.) über eigene Aktivitäten anstreben; so können sie auch Vorbeugung und Linderung gegenüber Krankheiten als erwünschte Nebenwirkungen erreichen. Der Weg, über das Anstreben positiver und ganzheitlich orientierter Gesundheitsziele auch Prävention, Therapie und Rehabilitation gegenüber Erkrankungen zu erreichen, erscheint aus lernpsychologischen Prinzipien leichter und erfolgversprechender als eine vorrangige Konzentration auf krankheitsbezogene Prävention, Therapie und Rehabilitation, wie sie in der Gesundheitspolitik leider vorherrschend ist (vgl. Absatz 6). 

Gesundheit wird vorrangig als ein Merkmal von individuellen Personen betrachtet. Folgende positive Gesundheitsziele tragen als systemische Anteile zur ganzheitlichen Gesundheit von Personen bei: 

  • bewußtes körperliches und seelisches Wohlfühlen aufgrund gezielter eigener Aktivitäten durch: bewußtes positives Körpererleben; geeignete Ernährung; angemessene rhythmische Abwechslungen zwischen gesunden Anstrengungen, Bewegungsaktivitäten und Entspannungsphasen; geeignete Wach-Schlaf-Rhythmen; bewußtes Erleben der Verbindungen mit der Natur; angemessenes sexuelles Erleben; Wahrnehmen, Annehmen und Ausdrücken von Gefühlen; kontrollierter Gebrauch suchtgefährdender Stoffe;
  • positive Einstellungen zum eigenen Leben: Selbstbewußtsein, Selbstvertrauen, Selbstachtung, Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, Selbstbestimmung, Sinnorientierung, Selbstmanagement des Handelns;
  • positive stabile mitmenschliche Beziehungen und soziale Integration in Alltagsgemeinschaften (Familie, Schule, Arbeitsplatz, Bekanntenkreis, Freizeitorganisationen, Selbsthilfegruppen u.a.); 
  • Pflege regelmäßiger gesunder Handlungsgewohnheiten;
  • Suche und Nutzung von angemessener Gesundheitshilfe durch Alltagsgemeinschaften, Selbsthilfegruppen, Fachleute und professionelle Einrichtungen;
  • Erleben gesundheitsfördernder Bedingungen in der ökologischen und sozialen Umwelt;
  • eigener aktiver Einsatz für gesündere Lebensbedingungen in der sozialen und ökologischen Umwelt;
  • Sinnorientierung durch eigenen Einsatz für mehr Frieden und Gesundheit unter den Mitmenschen und in der ‘Einen Welt’.
3. Gesundheitsförderung als zukunftsorientiertes interdisziplinäres Handlungsfeld

Gesundheitsförderung ist ein umfassendes individuelles, soziales, berufliches und gesellschaftlich-politisches Handlungsfeld mit den Aufgaben: 

  • ‘gesunde Lebensweisen’ bzw. individuelle und soziale Kompetenzen zu gesunder Lebensgestaltung im Kontext der alltäglichen sozialen Beziehungen zu fördern,
  • ‘gesunde Lebenswelten’ bzw. gesundheitsfördernde Lebens-, Lern- und Arbeitsbedingungen in der Umwelt zu gestalten,
  • eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik zu entwickeln.

Gesundheitsförderung ist ein interdisziplinäres Aufgaben- und Handlungsfeld und bedarf der interdisziplinären Kooperation vieler gesundheitsbezogener Wissenschaften und Berufsrichtungen sowie vieler Organisationen der Bildungs-, Gesundheits-, Familien-, Sozial-, Verkehrs-, Wirtschafts- und Umweltpolitik. 

Positiv und ganzheitlich orientierte Gesundheitsförderung ist eine sehr wichtige Zukunftsaufgabe für die gesamte gesellschaftliche Entwicklung. Darauf verweist die WHO mit ihrer erneuerten Strategie "Gesundheit für alle im 21. Jahrhundert" (s.o.) und ebenso der Politik- und Unternehmensberater Leo Nefiodow in seinem neuen Buch "Der sechste Kondratieff - Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information" (Sankt Augustin, Rhein-Sieg-Verlag, 1997). Demnach ist zugunsten einer gesunden gesellschaftlichen Weiterentwicklung in die Gesundheitsförderung politisch und wirtschaftlich mehr zu investieren als bisher. Gesundheitsförderung ist eine gesellschaftliche Investitionsaufgabe; finanzielle Ausgaben sind eher als Investitionskosten denn als Fehl- oder Reparaturkosten zu betrachten. 

Gesundheitsförderung umfaßt eine große Vielfalt von Maßnahmen; sie läßt sich folgendermaßen gliedern: 

  • Personzentrierte Maßnahmen dienen dazu, Menschen im Rahmen ihrer alltäglichen sozialen Beziehungen zu gesunden Lebensweisen zu befähigen bzw. umfassende Fähigkeiten zu konstruktiver Lebensgestaltung zu fördern. Sie lassen sich unterteilen in: Maßnahmen zur Förderung allgemeiner Kompetenzen für eine gesunde Lebensführung, kommunikationsorientierte Maßnahmen, entwicklungsorientierte Maßnahmen für die verschiedenen Entwicklungsphasen des Lebens, Maßnahmen zur Bewältigung kritischer Lebensereignisse, Maßnahmen zur konstruktiven Bewältigung chronischer Erkrankungen.
  • Gemeinschaftsorientierte Maßnahmen dienen dazu, Alltagsgemeinschaften, in denen Menschen bestimmende soziale Lebenswelten erleben, gesundheitsfördernd zu unterstützen, gesunde soziale Integrationen und positive mitmenschliche Beziehungen zu fördern sowie Fähigkeiten der Alltagsgemeinschaften zu effektiver Gesundheitshilfe zu stärken. Hervorgehoben seien folgende Maßnahmengruppen: familienbezogene Gesundheitsdienste; ausgedehnte Bildungsmöglichkeiten für Familien zur Förderung von Gesundheitshilfe-Kompetenzen für Kinder, alte Menschen und für chronisch erkrankte und behinderte Menschen; Unterstützung von Selbsthilfegruppen (auch über Selbsthilfe-Organisationen und -Kontaktstellen).
  • Strukturzentrierte Maßnahmen dienen dazu, gesunde Lebenswelten in der Umwelt bzw. gesundheitsfördernde Lebens-, Lern- und Arbeitsbedingungen zu gestalten. Sie lassen sich unterteilen in: Maßnahmen in bezug auf größere soziale Organisationen (Schulen, Arbeitswelt, Schulen, Kommunen, Institutionen des Gesundheitswesens, Freizeitbereich, Verkehrs-, Rechts- und Bildungswesen) sowie Maßnahmen in bezug auf die ökologische Umwelt.
  • Bildungsorientierte Maßnahmen dienen dazu, ‘Gesundheitsförderung’ zu einer wichtigen Bildungsaufgabe in allen Arten von Schulen (vom Kindergarten bis zur Hochschule) zu machen, Möglichkeiten zur Gesundheitsförderung bildungsmäßig an alle interessierten Menschen zu vermitteln und Menschen, die im Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialwesen beruflich/ehrenamtlich tätig sind und die in anderen Bereichen Führungspositionen innehaben, zugunsten vertiefter Kompetenzen für Aufgaben der Gesundheitsförderung aus- und fortzubilden.
  • Maßnahmen zum Empowerment dienen dazu, Bürger und Gruppen zu ermutigen und zu befähigen, sich in verschiedenen größeren sozialen Kontexten und in der Gesellschaft für mehr Gesundheitsförderung, für gesündere Lebens-, Lern- und Arbeitsbedingungen und für eine bessere Gesundheitsversorgung aktiv und effektiv einzusetzen.
  • Managementorientierte Maßnahmen dienen dazu, im gesellschaftlich-politischen Handlungsfeld der Gesundheitsförderung Management-Kompetenzen für Institutionen des Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen, der freien Wirtschaft sowie in Kommunen und politischen Organisationen zu stärken.
4. Gesundheitswissenschaften / Public Health

Die Gesundheitswissenschaften verstehen sich als interdisziplinärer, organisatorisch eigenständiger Wissenschaftszweig auf der Grundlage einer gleichberechtigten Kooperation zwischen Biologie, Medizin, Psychologie, Ökologie, Soziologie und weiteren Grundlagenwissenschaften. Sie berücksichtigen die vielfältigen Einflüsse auf die Gesundheit: körperliche, gefühlsmäßige, geistige, religiöse, ökologische, ökonomische, soziale, gesellschaftliche und politische Einflüsse. Sie wollen mit Hilfe bio-öko-psycho-sozialer Systemmodelle Gesundheits- und Krankheitsentwicklungen besser verstehen und daraus Maßnahmen zur Gesundheitsförderung ableiten, einsetzen und ihre Qualität zu überprüfen. Sie wollen in Systemen der Gesundheitsversorgung und Gesundheitspolitik dazu beitragen, effektive Gesundheitsleistungen zu vermehren. 

"Public Health" ist ein grundlegender Begriff in den Gesundheitswissenschaften; er umfaßt die Gesamtheit der Bemühungen, die Gesundheit von Individuen und Bevölkerungsgruppen in Städten und Gemeinden, Ländern und Staaten herbeizuführen, zu erhalten und zu fördern. Die Gesundheitswissenschaften betrachten es vor allem als ihre Aufgabe, ‘Public Health’ zu fördern. 

5. Psychologie/Gesundheitspsychologie als Gesundheitswissenschaft

Die Psychologie kann als wissenschaftliches Berufsfeld sowie als eine der wesentlichen Gesundheitswissenschaften maßgeblich dazu beitragen, 

  • Gesundheit in der Bevölkerung im positiven und ganzheitlichen Sinne zu fördern,
  • gesunde Lebens-, Lern- und Arbeitsbedingungen in der Gesellschaft zu fördern sowie
  • Menschen, die andere Menschen gesundheitlich betreuen (in der Familie, durch ehrenamtliche Tätigkeiten, helfenden Berufen), in Fähigkeiten zu einer ganzheitlichen Gesundheitshilfe fortbilden.

Die Gesundheitspsychologie integriert Fragestellungen und Kenntnisse aus allen Bereichen der Psychologie und aus den Gesundheitswissenschaften, um psychologisch begründete Modelle und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung zu entwickeln und ihre Qualität zu überprüfen. Im Rahmen der Gesundheitswissenschaften hat die Gesundheitspsychologie eine mittlere und vermittelnde Position zwischen Medizin und Theologie bzw. Religionswissenschaften (individuumzentrierte Disziplinen mit den Polen ‘Körper’ und ‘Geist’) sowie zwischen Ökologie und Soziologie (umweltzentrierte Disziplinen mit den Polen ‘Natur’ und ‘Gesellschaft’). Sie hat also ein besonders hohes Integrationspotential im Feld der Gesundheitswissenschaften. Das Tätigkeitsfeld von Diplom-PsychologInnen im gesundheitspolitischen Handlungsfeld der Gesundheitsförderung läßt sich als angewandte Gesundheitspsychologie (wissenschaftsorientierte Formulierung) oder als psychologische Gesundheitsförderung (praxisorientierte Formulierung) bezeichnen. 

Psychologische Gesundheitsförderung - es ist der hier bevorzugte Begriff - bietet Menschen, Gruppen und Organisationen vielfältige psychologische Maßnahmen an, um sie in ihrem Streben zu positiven und ganzheitlichen Gesundheitszielen zu unterstützen und sie zu gesundheitsfördernden Erlebensweisen, Denk- und Handlungsgewohnheiten bzw. zu aktiver regelmäßiger gesundheitsbezogener Selbsthilfe anzuregen. Die Maßnahmen gelten als ‘Hilfe zur Selbsthilfe’; sie dienen nicht zur Diagnose und Therapie von körperlichen und psychischen Erkrankungen; sie ersetzen also keine ärztlichen und psychotherapeutischen Behandlungen; sie gelten nicht als ‘heilkundliche’ Maßnahmen. Für Maßnahmen zur Gesundheitsförderung können keine ‘Erfolge’ versprochen oder garantiert werden; denn Menschen erreichen positive Gesundheitsziele vor allem durch aktive ‘erfolgreiche’ Selbsthilfe. Maßnahmen der psychologischen Gesundheitsförderung gelten dann als qualitätsmäßig effektiv, wenn durch sie möglichst viele Mitglieder der angesprochenen Zielgruppen zu aktiver regelmäßiger gesundheitsbezogener Selbsthilfe angeregt werden. 

"Psychologinnen und Psychologen sind Fachleute der Gesundheitsförderung für Individuen, Institutionen und soziale Systeme." (So beginnen die "Leitsätze zur psychologischen Gesundheitsförderung" des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen) Sie arbeiten seit Jahrzehnten im Rahmen mehrerer psychologischer Fachrichtungen und in verschiedenen Tätigkeitsfeldern für die Gesundheit der Menschen. Mit ihren Fachkenntnissen und Berufserfahrungen tragen sie als Experten zur Förderung gesunder Lebens-, Lern-, Arbeits- und Umweltbedingungen sowie zur Förderung gesunder Lebensgestaltung von Menschen in ihren alltäglichen sozialen Beziehungen bei. Seit vielen Jahren sind Diplom-PsychologInnen im gesundheitspolitischen Handlungsfeld der Gesundheitsförderung maßgeblich aktiv und haben in verantwortlichen Positionen zu wichtigen Entwicklungen im Bereich des Gesundheitswesens beigetragen. Für alle o.g. Arten von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, seien sie auf Personen, Alltagsgemeinschaften, soziale Strukturen, Bildung, Empowerment und Management orientiert, gibt es fachkompetente PsychologInnen. 

‘Psychologen sind Gesundheitsexperten’; sie sind Experten zur Förderung positiven und ganzheitlichen Erlebens von Gesundheit. GPI möchte dazu beitragen, dieses Image in der Bevölkerung, der Fachwelt und der Gesundheitspolitik mehr zu verbreiten, sozusagen als eine ergänzende und alternative Möglichkeit zum bisher vorherrschenden Image ‘Psychologen als Experten zur Behebung psychischer Störungen’. 

6. Für eine Erneuerung der Gesundheitspolitik

Im Gesundheitswesen herrscht faktisch ein krankheitsorientiertes Verständnis von Gesundheit als 'Freisein von Krankheit'; denn nahezu alle rechtlichen und finanziellen Regelungen gehen von diesem Gesundheitsverständnis aus; daher spiegelt der Begriff ‘Krankheitswesen’ mehr die gegenwärtige Realität. Im 'Krankheitswesen’ liegt die beherrschende Stellung bei der Medizin, die kaum, nur in Ausnahmefällen, ein positives und ganzheitlich orientiertes Gesundheitsverständnis berücksichtigt. 

Die Grenzen des gegenwärtigen Gesundheitswesens zeigen sich in der Hilflosigkeit gegenüber vielen chronischen Erkrankungen, im starken Anstieg psychischer und psychosomatischer Erkrankungen, im Vorherrschen von Krankheiten, die stark von individuellen Lebensweisen beeinflußt werden, sowie in der steigenden Kostenbelastung der gesetzlichen Krankenversicherung. 

Die WHO-Strategie "Gesundheit für alle" wird in der nationalen Gesundheitspolitik zwar wohlwollend zur Kenntnis genommen (z.B. in der Informationsschrift "Zukunftsaufgabe Gesundheitsvorsorge" des Bundesministeriums für Gesundheit (1993): "In ihrer Antwort vom 22. Mai 1985 auf die Große Anfrage zur Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens und zur Qualität der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung in der Bundesrepublik bekennt sich die Bundesregierung grundsätzlich zu den Zielen der 'Gesundheit für alle' - Strategie der WHO. Für die Bundesregierung geht es darum, im Rahmen der gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen und der gegebenen Finanzierungsmöglichkeiten für alle Menschen den bestmöglichen, erreichbaren Gesundheitszustand anzustreben. In diesem Rahmen sieht die Bundesregierung die WHO-Strategie als einen 'hochwertigen Richtungsweiser' an."); in der gegenwärtigen Gesundheitspolitik ist jedoch ein Streben zur effektiven Umsetzung kaum erkennbar. 

In der Bevölkerung zeigen sich folgende beachtenswerten Phänomene, die über das eingeengte ‘Krankheitswesen’ hinausgehen: 

  • Ein 'Gesundheitsboom' mit der Suche nach Möglichkeiten zur Förderung einer 'ganzheitlichen' Gesundheit, u.a. durch Nutzung 'alternativer Heilweisen', ist erkennbar, auch an einer Hochkonjunktur von Gesundheitsliteratur.
  • Selbsthilfegruppen haben in den letzten Jahren einen deutlichen Zulauf bekommen; die Anzahl von Selbsthilfegruppen, Selbsthilfe-Kontaktstellen und Selbsthilfe-Organisationen ist deutlich gestiegen. Einerseits erkennt die Gesundheitspolitik die Förderungswürdigkeit des Selbsthilfebereiches an; andererseits bleiben die finanziellen Unterstützungen eher gering. 
  • Es gibt viele Initiativen von Fachleuten im psychosozialen Feld mit "Gesundheitszentren", "Gesundheitsläden" und "Gesundheitstagen" sowie auch Möglichkeiten zu "Gesundheitsberatungen" mit unterschiedlichen qualitativen Hintergründen.
  • Die 'Suche nach Sinn' - sie ist eine wichtige Aufgabe für die seelische Gesundheit - bewirkt aufgrund von Unzufriedenheit mit der gesellschaftlichen Situation und mit herrschenden Weltanschauungssystemen (seien sie kirchlich-christlich oder materialistisch, merkantilistisch, atheistisch) einen verstärkten 'Boom' für Esoterik, Spiritualität und fragwürdige 'Gurus', 'Sekten' mit entsprechenden Gefährdungen.

Sind Ansätze für eine notwendige Erneuerung der Gesundheitspolitik erkennbar? 

  • Die WHO hat für Europa zusammen mit den europäischen Staaten eine erneuerte Strategie "Gesundheit für alle im 21. Jahrhundert" für die europäische Gesundheitspolitik entworfen, vor allem in Richtung auf mehr Chancengleichheit und Solidarität. 
  • Bundesgesundheitsminister Seehofer hat 1993 die Perspektive der Gesundheitsförderung begriffen, als er auf einer Konferenz "Zukunftsaufgabe Gesundheitsvorsorge" äußerte: "Es ist in meinen Augen aber auch der gesundheitspolitische Schwenk der letzten Jahre, vielleicht des letzten Jahrzehnts, von großer, mindestens gleichrangiger Bedeutung, nämlich der zur Betonung der Gesundheit und ihrer Förderung. ... Gesundheit soll für den Bürger mehr sein als nicht krank zu sein." 

Die Studie "Gesundheit und Schule" des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft (September 1994) befürwortet einen 'Paradigmenwechsel' von der Prävention zur Gesundheitsförderung: "Förderung der Gesundheit verlangt sowohl die individuelle Entwicklung und Förderung entsprechender Kompetenzen als auch die Gestaltung entsprechender Lebens-, Lern- und Arbeitsbedingungen. Somit bedeutet der Paradigmenwechsel von den Risikofaktoren zur Gesundheitsförderung ein völliges Umdenken. Eine zukunftsorientierte Gesundheitsbildung bedarf einer gänzlich neuen, ganzheitlichen Grundlegung." (S. 2) 

Einige Anregungen seien hier zur Diskussion gestellt: 

  • Die nationale Gesundheitspolitik dürfte die WHO-Strategie "Gesundheit für alle" nicht nur in ‘Sonntagsreden’ lobend hervorheben, sondern müßte endlich aktiv und in vorderer Linie zur Umsetzung der WHO-Strategie beitragen. 
  • Gesundheitsförderung ist eine Aufgabe der gesamten Politik. Dies wird von der WHO und der Bundesregierung hervorgehoben. In der Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik müßte Gesundheitsförderung ein wichtiger Politikaspekt werden; finanzielle Aufgaben zur Gesundheitsförderung dürften nicht nur dem ‘Krankheitswesen’ bzw. den Krankenversicherungen überlassen werden. 
  • Politische Innovations- und Investitionsbereitschaft zugunsten eines positiven und ganzheitlichen Gesundheitsverständnisses und zugunsten der WHO-Strategie "Gesundheit für alle" würde deutlich zur Steigerung der Lebenszufriedenheit in der Bevölkerung beitragen, u.a. auch zu mehr Zufriedenheit mit der Politik; prognostisch sind dann folgende wünschenswerten Nebenwirkungen zu erwarten: weniger psychosomatische und psychische Erkrankungen, weniger Gewalt und Kriminalität, geringere Krankheitskosten, geringere Kosten für die ‘innere Sicherheit’.
  • Folgende Anregung stelle ich zur Diskussion: 10% von den bisherigen Krankheitskosten könnten über verschiedene Politikfelder - nicht nur über die bisherige Gesundheitspolitik - in den Bereich einer qualifizierten, positiv und ganzheitlich orientierten Gesundheitsförderung investiert werden, davon vielleicht 3% in Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, 2% in Maßnahmen zur Unterstützung von Selbsthilfegruppen, 4% in Psychotherapie und andere alternative Heilweisen als ganzheitlich orientierte kurative und rehabilitative Maßnahmen, sowie 1% in Maßnahmen zum Qualitätsmanagement für diese genannten Bereiche. 
7. Religion und Gesundheit - eine fruchtbare psychologische Kombination?

Religionspsychologie ist eine Teildisziplin der Psychologie; sie will das religiöse Erleben, Denken und Handeln von Menschen in ihren psychosozialen Ursachen und Wirkungen verstehen. 

Unter dem hier vorherrschenden Blickwinkel der Gesundheitsförderung ist - sowohl für die Gesundheitspsychologie als auch für die Religionspsychologie - nach den Auswirkungen von weltanschaulichen und sozialen Religionszugehörigkeiten auf die psychosoziale Gesundheit von Menschen zu fragen. Religiöse Einstellungen und die Mitgliedschaft in religiösen Gemeinschaften können die Gesundheit sowohl fördern als auch behindern; dies können sicher viele Menschen aus ihren persönlichen Erfahrungen und aus sozialen Erfahrungen mit ihren Mitmenschen sowie viele Fachleute des Gesundheitsbereich bestätigen,  und dies wird auch durch Forschungsergebnisse belegt. 

In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation werden in Deutschland einerseits die christlichen Kirchen mehr in Frage gestellt und verlieren an 'sozialen Zugkräften'; andererseits gewinnt eine unüberschaubare Vielfalt von kirchlich ungebundenen 'spirituellen' Anschauungen und religiösen Gruppen an 'Konjunktur' mit positiven, fragwürdigen und eindeutig negativen Auswirkungen (was im Rahmen der 2000jährigen Geschichte des Christentums häufig vorgekommen ist). Religiöses Erleben, Denken und Handeln von Menschen scheint sich im soziologischen Sinne zu verlagern, aber nicht unbedingt zu vermindern. Die gesellschaftliche und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit 'Religion' ist durch diese Verlagerungstendenz verstärkt  gefordert. 

Im Sinne vieler geisteswissenschaftlich und religionspsychologisch forschender Psychologen/Psychotherapeuten (Eduard Spranger, C.G.Jung, Viktor Frankl und neuere Richtungen der 'transpersonalen Psychologie') läßt sich sagen: Die Suche von Menschen nach einer positiv erlebten Religion und nach positiver sozialer Integration in religiöse Gemeinschaften ist eine anthropologische Grundausstattung des Menschseins; diese Suche ist nicht durch materialistische und rationalistische Weltanschauungen sowie durch das Streben zu Konsum, Erlebnisrausch und zu Glückserfahrungen ohne Umwege über Anstrengungs- und Frustrationserfahrungen zu ersetzen. 

In dieser gesellschaftlichen Situation hat die Religionspsychologie m.E. folgende wichtigen Aufgaben für das Handlungsfeld der Gesundheitsförderung: 

  • Als Forschungsaufgabe ist die Frage zu beantworten: Unter welchen psychosozialen Bedingungen tragen religiöse Einstellungen und die Mitgliedschaft in religiösen Gemeinschaften zur Förderung ganzheitlicher Gesundheit bei? Wissenschaftlich begründete Kriterien für gesundheitsförderliche und gesundheitsschädliche Einflüsse von weltanschaulicher und sozialer Religionszugehörigkeit sind zu benennen. 
  • Zugunsten der Gesundheitsförderung sollte die Religionspsychologie zusammen mit ihren benachbarten wissenschaftlichen Fächern und entsprechenden Berufsfeldern Orientierungen vermitteln, um Menschen in ihrer bio-psycho-sozialen Gesundheit durch psychologisch angemessene Verstärkungen von positiven Einflüssen weltanschaulicher und sozialer Religionszugehörigkeit zu fördern.
  • Weiterhin sollte Religionspsychologie auch die in der Fachwelt anwachsenden Bemühungen zu präventiven, therapeutischen und rehabilitativen Maßnahmen gegenüber gesundheitsschädlichen Einflüssen durch 'Sekten' und andere Formen negativer weltanschaulicher und sozialer Religionszugehörigkeit unterstützen; dazu sollte sie Orientierungen vermitteln, wie sich negativ wirkende Religionszugehörigkeiten in positiv wirkende Religionszugehörigkeiten wandeln lassen (und nicht in 'Religionslosigkeit').

Nachfolgend seien - aufgrund der persönlichen Kombination von theologischer und psychologischer Hochschulausbildung des Autors - wesentliche Bedingungen für gesundheitsfördernde Einflüsse von weltanschaulicher und sozialer Religionszugehörigkeit benannt: Religiöse Einstellungen fördern ganzheitliche Gesundheit, wenn sie bei Menschen und in religiösen Gemeinschaften mit den Prinzipien ‘Hoffnung’, ‘Liebe’, ‘Freiheit’, ‘Lebensbejahung’ und ‘Schuld & Schuldvergebung’ in Wort und Tat verbunden sind: 

  • ‘Hoffnung’ als Hoffnung, beständig von einer höchsten Liebe bzw. einer liebenden Gottheit umgeben und durchdrungen zu sein;
  • ‘Liebe’ als Liebe zu allen Menschen der Erde, unabhängig ihrer religiösen Einstellungen, ihrer Nation und sozialen Schichtzugehörigkeit;
  • ‘Freiheit’ als absolutes Recht, Glauben, Religion und religiöse Gemeinschaften für sich zu wählen oder sich von ihnen zu distanzieren, zumal aus christlicher Sicht Gott dem Menschen die absolute persönliche Freiheit läßt, sich für oder gegen Gott zu entscheiden;
  • ‘Lebensbejahung’ als Förderung einer gesunden sozialen Lebensgestaltung, als Streben zu Krankenheilungen, als Bejahung der Möglichkeit eines glücklichen jenseitigen Lebens nach dem Tode;
  • ‘Schuld & Schuldvergebung’ als Hinweis darauf, daß Menschen (durch Mangel an Liebe) oftmals schuldig werden und daß ‘Gott’ sie auch im Zustand der Schuld liebt, ihnen bei menschlicher Reue ‘liebend gern’ Schuld verzeiht und bereit ist, zur Umkehr zu helfen.

Abweichungen von diesen Prinzipien gibt es in nahezu allen großen und kleinen religiösen Gemeinschaften, nicht nur in ‘Sekten’, sondern auch in der Geschichte der großen christlichen Kirchen und in vielen anderen Religionen. Beispiele: Anstelle von Hoffnung wird Furcht vor einem strafenden Gott gefördert; Liebe wird nicht für andersgläubige Menschen begrüßt, sondern auf die Mitglieder der eigenen Glaubensgemeinschaft beschränkt; anstelle von Freiheit wird psychosoziale Abhängigkeit von ‘Gurus’ und religiösen Gemeinschaften gefördert; anstelle von Lebensbejahung wird ‘zerknirschte’ Askese und Sexualfeindlichkeit gefördert; anstelle der Kombination von Schuld und Schuldvergebung werden Möglichkeiten menschlicher ‘Schuldlosigkeit’ suggeriert sowie Bewertungen, daß etwas ‘unverzeihlich’ sein könne. 

 

© Maximilian Rieländer  

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erstellt: 18.12.1997

aktualisiert: 06.11.2015

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