Leitgedanken: Gesundheit positiv und ganzheitlich fördern© Maximilian Rieländer 1997
Leitsätze zur psychologischen Gesundheitsförderung des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) 1. Gesundheit im Sinne der Weltgesundheitsorganisation (WHO)"Gesundheit ist ein Zustand vollständigen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Beschwerden und Krankheit." Mit dieser Definition hat die WHO schon seit über 50 Jahren (1946) ein positiv und ganzheitlich orientiertes Gesundheitsverständnis in der Politik, der Fachwelt und der Bevölkerung zu verbreiten versucht. 1978 hat die WHO das Konzept "Gesundheit für alle" beschlossen. 1984 hat die WHO in Europa in Zusammenarbeit und Konsensfindung mit den europäischen Nationen die Ziele "Gesundheit für alle im Jahre 2000" definiert sowie 1991 und 1998 unter dem Titel " Gesundheit für alle im 21. Jahrhundert" erneuert. In ihrer konkreten Arbeit versucht die WHO in Europa, die Zielstrategie "Gesundheit für alle" in der Politik und Fachwelt und darüber in der Bevölkerung zu verbreiten. Im Sinne dieser WHO-Strategie lassen sich folgende weitreichenden Ziele einer umfassenden Gesundheitpolitik umschreiben: Alle Menschen dieser Erde sollen - unabhängig von ihrer sozialen Schicht, Nation, Religion - in ihrem Alltag mit all seinen Lebensbereichen ihr Leben gesund und konstruktiv gestalten können und in Frieden, Gerechtigkeit und gegenseitiger Achtung zusammenleben können; sie sollen dabei durch entsprechende Lebensbedingungen unterstützt werden. Die WHO hat 1986 die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung verabschiedet. Seitdem ist ‘Gesundheitsförderung’ als ein gesundheitspolitischer Begriff eingeführt und folgendermaßen gekennzeichnet: "Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozeß, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. ... Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Bedeutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten." 2. Positive ganzheitliche GesundheitszieleEin positives und ganzheitliches Gesundheitsverständnis ist aus psychologischer Sicht sehr wertvoll: Menschen können positive und ganzheitlich orientierte Gesundheitsziele (s.u.) über eigene Aktivitäten anstreben; so können sie auch Vorbeugung und Linderung gegenüber Krankheiten als erwünschte Nebenwirkungen erreichen. Der Weg, über das Anstreben positiver und ganzheitlich orientierter Gesundheitsziele auch Prävention, Therapie und Rehabilitation gegenüber Erkrankungen zu erreichen, erscheint aus lernpsychologischen Prinzipien leichter und erfolgversprechender als eine vorrangige Konzentration auf krankheitsbezogene Prävention, Therapie und Rehabilitation, wie sie in der Gesundheitspolitik leider vorherrschend ist (vgl. Absatz 6). Gesundheit wird vorrangig als ein Merkmal von individuellen Personen betrachtet. Folgende positive Gesundheitsziele tragen als systemische Anteile zur ganzheitlichen Gesundheit von Personen bei:
3. Gesundheitsförderung als zukunftsorientiertes interdisziplinäres HandlungsfeldGesundheitsförderung ist ein umfassendes individuelles, soziales, berufliches und gesellschaftlich-politisches Handlungsfeld mit den Aufgaben:
Gesundheitsförderung ist ein interdisziplinäres Aufgaben- und Handlungsfeld und bedarf der interdisziplinären Kooperation vieler gesundheitsbezogener Wissenschaften und Berufsrichtungen sowie vieler Organisationen der Bildungs-, Gesundheits-, Familien-, Sozial-, Verkehrs-, Wirtschafts- und Umweltpolitik. Positiv und ganzheitlich orientierte Gesundheitsförderung ist eine sehr wichtige Zukunftsaufgabe für die gesamte gesellschaftliche Entwicklung. Darauf verweist die WHO mit ihrer erneuerten Strategie "Gesundheit für alle im 21. Jahrhundert" (s.o.) und ebenso der Politik- und Unternehmensberater Leo Nefiodow in seinem neuen Buch "Der sechste Kondratieff - Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information" (Sankt Augustin, Rhein-Sieg-Verlag, 1997). Demnach ist zugunsten einer gesunden gesellschaftlichen Weiterentwicklung in die Gesundheitsförderung politisch und wirtschaftlich mehr zu investieren als bisher. Gesundheitsförderung ist eine gesellschaftliche Investitionsaufgabe; finanzielle Ausgaben sind eher als Investitionskosten denn als Fehl- oder Reparaturkosten zu betrachten. Gesundheitsförderung umfaßt eine große Vielfalt von Maßnahmen; sie läßt sich folgendermaßen gliedern:
4. Gesundheitswissenschaften / Public HealthDie Gesundheitswissenschaften verstehen sich als interdisziplinärer, organisatorisch eigenständiger Wissenschaftszweig auf der Grundlage einer gleichberechtigten Kooperation zwischen Biologie, Medizin, Psychologie, Ökologie, Soziologie und weiteren Grundlagenwissenschaften. Sie berücksichtigen die vielfältigen Einflüsse auf die Gesundheit: körperliche, gefühlsmäßige, geistige, religiöse, ökologische, ökonomische, soziale, gesellschaftliche und politische Einflüsse. Sie wollen mit Hilfe bio-öko-psycho-sozialer Systemmodelle Gesundheits- und Krankheitsentwicklungen besser verstehen und daraus Maßnahmen zur Gesundheitsförderung ableiten, einsetzen und ihre Qualität zu überprüfen. Sie wollen in Systemen der Gesundheitsversorgung und Gesundheitspolitik dazu beitragen, effektive Gesundheitsleistungen zu vermehren. "Public Health" ist ein grundlegender Begriff in den Gesundheitswissenschaften; er umfaßt die Gesamtheit der Bemühungen, die Gesundheit von Individuen und Bevölkerungsgruppen in Städten und Gemeinden, Ländern und Staaten herbeizuführen, zu erhalten und zu fördern. Die Gesundheitswissenschaften betrachten es vor allem als ihre Aufgabe, ‘Public Health’ zu fördern. 5. Psychologie/Gesundheitspsychologie als GesundheitswissenschaftDie Psychologie kann als wissenschaftliches Berufsfeld sowie als eine der wesentlichen Gesundheitswissenschaften maßgeblich dazu beitragen,
Die Gesundheitspsychologie integriert Fragestellungen und Kenntnisse aus allen Bereichen der Psychologie und aus den Gesundheitswissenschaften, um psychologisch begründete Modelle und Maßnahmen zur Gesundheitsförderung zu entwickeln und ihre Qualität zu überprüfen. Im Rahmen der Gesundheitswissenschaften hat die Gesundheitspsychologie eine mittlere und vermittelnde Position zwischen Medizin und Theologie bzw. Religionswissenschaften (individuumzentrierte Disziplinen mit den Polen ‘Körper’ und ‘Geist’) sowie zwischen Ökologie und Soziologie (umweltzentrierte Disziplinen mit den Polen ‘Natur’ und ‘Gesellschaft’). Sie hat also ein besonders hohes Integrationspotential im Feld der Gesundheitswissenschaften. Das Tätigkeitsfeld von Diplom-PsychologInnen im gesundheitspolitischen Handlungsfeld der Gesundheitsförderung läßt sich als angewandte Gesundheitspsychologie (wissenschaftsorientierte Formulierung) oder als psychologische Gesundheitsförderung (praxisorientierte Formulierung) bezeichnen. Psychologische Gesundheitsförderung - es ist der hier bevorzugte Begriff - bietet Menschen, Gruppen und Organisationen vielfältige psychologische Maßnahmen an, um sie in ihrem Streben zu positiven und ganzheitlichen Gesundheitszielen zu unterstützen und sie zu gesundheitsfördernden Erlebensweisen, Denk- und Handlungsgewohnheiten bzw. zu aktiver regelmäßiger gesundheitsbezogener Selbsthilfe anzuregen. Die Maßnahmen gelten als ‘Hilfe zur Selbsthilfe’; sie dienen nicht zur Diagnose und Therapie von körperlichen und psychischen Erkrankungen; sie ersetzen also keine ärztlichen und psychotherapeutischen Behandlungen; sie gelten nicht als ‘heilkundliche’ Maßnahmen. Für Maßnahmen zur Gesundheitsförderung können keine ‘Erfolge’ versprochen oder garantiert werden; denn Menschen erreichen positive Gesundheitsziele vor allem durch aktive ‘erfolgreiche’ Selbsthilfe. Maßnahmen der psychologischen Gesundheitsförderung gelten dann als qualitätsmäßig effektiv, wenn durch sie möglichst viele Mitglieder der angesprochenen Zielgruppen zu aktiver regelmäßiger gesundheitsbezogener Selbsthilfe angeregt werden. "Psychologinnen und Psychologen sind Fachleute der Gesundheitsförderung für Individuen, Institutionen und soziale Systeme." (So beginnen die "Leitsätze zur psychologischen Gesundheitsförderung" des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen) Sie arbeiten seit Jahrzehnten im Rahmen mehrerer psychologischer Fachrichtungen und in verschiedenen Tätigkeitsfeldern für die Gesundheit der Menschen. Mit ihren Fachkenntnissen und Berufserfahrungen tragen sie als Experten zur Förderung gesunder Lebens-, Lern-, Arbeits- und Umweltbedingungen sowie zur Förderung gesunder Lebensgestaltung von Menschen in ihren alltäglichen sozialen Beziehungen bei. Seit vielen Jahren sind Diplom-PsychologInnen im gesundheitspolitischen Handlungsfeld der Gesundheitsförderung maßgeblich aktiv und haben in verantwortlichen Positionen zu wichtigen Entwicklungen im Bereich des Gesundheitswesens beigetragen. Für alle o.g. Arten von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, seien sie auf Personen, Alltagsgemeinschaften, soziale Strukturen, Bildung, Empowerment und Management orientiert, gibt es fachkompetente PsychologInnen. ‘Psychologen sind Gesundheitsexperten’; sie sind Experten zur Förderung positiven und ganzheitlichen Erlebens von Gesundheit. GPI möchte dazu beitragen, dieses Image in der Bevölkerung, der Fachwelt und der Gesundheitspolitik mehr zu verbreiten, sozusagen als eine ergänzende und alternative Möglichkeit zum bisher vorherrschenden Image ‘Psychologen als Experten zur Behebung psychischer Störungen’. 6. Für eine Erneuerung der GesundheitspolitikIm Gesundheitswesen herrscht faktisch ein krankheitsorientiertes Verständnis von Gesundheit als 'Freisein von Krankheit'; denn nahezu alle rechtlichen und finanziellen Regelungen gehen von diesem Gesundheitsverständnis aus; daher spiegelt der Begriff ‘Krankheitswesen’ mehr die gegenwärtige Realität. Im 'Krankheitswesen’ liegt die beherrschende Stellung bei der Medizin, die kaum, nur in Ausnahmefällen, ein positives und ganzheitlich orientiertes Gesundheitsverständnis berücksichtigt. Die Grenzen des gegenwärtigen Gesundheitswesens zeigen sich in der Hilflosigkeit gegenüber vielen chronischen Erkrankungen, im starken Anstieg psychischer und psychosomatischer Erkrankungen, im Vorherrschen von Krankheiten, die stark von individuellen Lebensweisen beeinflußt werden, sowie in der steigenden Kostenbelastung der gesetzlichen Krankenversicherung. Die WHO-Strategie "Gesundheit für alle" wird in der nationalen Gesundheitspolitik zwar wohlwollend zur Kenntnis genommen (z.B. in der Informationsschrift "Zukunftsaufgabe Gesundheitsvorsorge" des Bundesministeriums für Gesundheit (1993): "In ihrer Antwort vom 22. Mai 1985 auf die Große Anfrage zur Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens und zur Qualität der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung in der Bundesrepublik bekennt sich die Bundesregierung grundsätzlich zu den Zielen der 'Gesundheit für alle' - Strategie der WHO. Für die Bundesregierung geht es darum, im Rahmen der gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen und der gegebenen Finanzierungsmöglichkeiten für alle Menschen den bestmöglichen, erreichbaren Gesundheitszustand anzustreben. In diesem Rahmen sieht die Bundesregierung die WHO-Strategie als einen 'hochwertigen Richtungsweiser' an."); in der gegenwärtigen Gesundheitspolitik ist jedoch ein Streben zur effektiven Umsetzung kaum erkennbar. In der Bevölkerung zeigen sich folgende beachtenswerten Phänomene, die über das eingeengte ‘Krankheitswesen’ hinausgehen:
Sind Ansätze für eine notwendige Erneuerung der Gesundheitspolitik erkennbar?
Die Studie "Gesundheit und Schule" des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft (September 1994) befürwortet einen 'Paradigmenwechsel' von der Prävention zur Gesundheitsförderung: "Förderung der Gesundheit verlangt sowohl die individuelle Entwicklung und Förderung entsprechender Kompetenzen als auch die Gestaltung entsprechender Lebens-, Lern- und Arbeitsbedingungen. Somit bedeutet der Paradigmenwechsel von den Risikofaktoren zur Gesundheitsförderung ein völliges Umdenken. Eine zukunftsorientierte Gesundheitsbildung bedarf einer gänzlich neuen, ganzheitlichen Grundlegung." (S. 2) Einige Anregungen seien hier zur Diskussion gestellt:
7. Religion und Gesundheit - eine fruchtbare psychologische Kombination?Religionspsychologie ist eine Teildisziplin der Psychologie; sie will das religiöse Erleben, Denken und Handeln von Menschen in ihren psychosozialen Ursachen und Wirkungen verstehen. Unter dem hier vorherrschenden Blickwinkel der Gesundheitsförderung ist - sowohl für die Gesundheitspsychologie als auch für die Religionspsychologie - nach den Auswirkungen von weltanschaulichen und sozialen Religionszugehörigkeiten auf die psychosoziale Gesundheit von Menschen zu fragen. Religiöse Einstellungen und die Mitgliedschaft in religiösen Gemeinschaften können die Gesundheit sowohl fördern als auch behindern; dies können sicher viele Menschen aus ihren persönlichen Erfahrungen und aus sozialen Erfahrungen mit ihren Mitmenschen sowie viele Fachleute des Gesundheitsbereich bestätigen, und dies wird auch durch Forschungsergebnisse belegt. In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation werden in Deutschland einerseits die christlichen Kirchen mehr in Frage gestellt und verlieren an 'sozialen Zugkräften'; andererseits gewinnt eine unüberschaubare Vielfalt von kirchlich ungebundenen 'spirituellen' Anschauungen und religiösen Gruppen an 'Konjunktur' mit positiven, fragwürdigen und eindeutig negativen Auswirkungen (was im Rahmen der 2000jährigen Geschichte des Christentums häufig vorgekommen ist). Religiöses Erleben, Denken und Handeln von Menschen scheint sich im soziologischen Sinne zu verlagern, aber nicht unbedingt zu vermindern. Die gesellschaftliche und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit 'Religion' ist durch diese Verlagerungstendenz verstärkt gefordert. Im Sinne vieler geisteswissenschaftlich und religionspsychologisch forschender Psychologen/Psychotherapeuten (Eduard Spranger, C.G.Jung, Viktor Frankl und neuere Richtungen der 'transpersonalen Psychologie') läßt sich sagen: Die Suche von Menschen nach einer positiv erlebten Religion und nach positiver sozialer Integration in religiöse Gemeinschaften ist eine anthropologische Grundausstattung des Menschseins; diese Suche ist nicht durch materialistische und rationalistische Weltanschauungen sowie durch das Streben zu Konsum, Erlebnisrausch und zu Glückserfahrungen ohne Umwege über Anstrengungs- und Frustrationserfahrungen zu ersetzen. In dieser gesellschaftlichen Situation hat die Religionspsychologie m.E. folgende wichtigen Aufgaben für das Handlungsfeld der Gesundheitsförderung:
Nachfolgend seien - aufgrund der persönlichen Kombination von theologischer und psychologischer Hochschulausbildung des Autors - wesentliche Bedingungen für gesundheitsfördernde Einflüsse von weltanschaulicher und sozialer Religionszugehörigkeit benannt: Religiöse Einstellungen fördern ganzheitliche Gesundheit, wenn sie bei Menschen und in religiösen Gemeinschaften mit den Prinzipien ‘Hoffnung’, ‘Liebe’, ‘Freiheit’, ‘Lebensbejahung’ und ‘Schuld & Schuldvergebung’ in Wort und Tat verbunden sind:
Abweichungen von diesen Prinzipien gibt es in nahezu allen großen und kleinen religiösen Gemeinschaften, nicht nur in ‘Sekten’, sondern auch in der Geschichte der großen christlichen Kirchen und in vielen anderen Religionen. Beispiele: Anstelle von Hoffnung wird Furcht vor einem strafenden Gott gefördert; Liebe wird nicht für andersgläubige Menschen begrüßt, sondern auf die Mitglieder der eigenen Glaubensgemeinschaft beschränkt; anstelle von Freiheit wird psychosoziale Abhängigkeit von ‘Gurus’ und religiösen Gemeinschaften gefördert; anstelle von Lebensbejahung wird ‘zerknirschte’ Askese und Sexualfeindlichkeit gefördert; anstelle der Kombination von Schuld und Schuldvergebung werden Möglichkeiten menschlicher ‘Schuldlosigkeit’ suggeriert sowie Bewertungen, daß etwas ‘unverzeihlich’ sein könne.
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Zur Seiteerstellt: 18.12.1997 aktualisiert: 06.11.2015 © Maximilian Rieländer |